Phosphonotop | Park der Frauen
Licht- und Klangräume von
Victoria Coeln und Werner Raditschnig
Ort: |
Holzpavillon im Mirabellgarten, Salzburg |
Eröffnung: |
Freitag, 15. September 2006, 19 Uhr |
16. September - 6. Oktober 2006 |
Eine Veranstaltung von OFFMozart — Festival der Freien Szene, Salzburg
Phosphonotop | Park der Frauen
Phosphonotop | Park der Frauen
Akustisch-visuelle Raumkomposition von Werner Raditschnig und Victoria Coeln
phos, photós = Licht, Mensch
phoné = Ton, Klang, Stimme
tópos = Ort, Platz, Gegend, Raum
“Phosphonotop” beschreibt die symbiotische Verbindung von Licht, Klang und Raum und spannt einen Bogen von der griechischen Antike, dem Ursprung des klassisch-europäischen Theaters, in unsere Zeit. Inhalt der akustisch-visuellen Komposition ist die vielschichtige Welt weiblicher Emotionen. Wir wollen diese Welt nicht beschreiben, nicht erklären, auch keine Geschichten davon erzählen. Vielmehr haben wir Fragmente und kurze Abrisse aus dieser Welt gewählt, kleine kompakte Keimzellen, die das gesamte System in sich tragen.
Intime Liebesfantasien, Verzweiflung, Rache, Angst und Hoffnung, Leidenschaft und Erotik erfüllen diese Zellen, Stimmen- und Figurenfragmente verbinden sich in der Raumkomposition zu einem intensiven, irritierenden Gewebe. Die Stimmung ist eigenartig ruhig und zugleich voll höchster Spannung — ein klarer Hinweis auf die herannahende Katastrophe oder die Aufregung vor der lange ersehnten Begegnung, vor dem Liebesakt?
Warum diese besondere Aufmerksamkeit für Frauen, für Mozarts Frauen? Die Idee kam spontan (von Werner Raditschnig) und leuchtete augenblicklich ein. Erst viel später, als diese Frage von außen an uns gerichtet wurde, sprachen wir darüber, “warum Frauen und keine Männer”. Nach wie vor können wir nur Mutmaßungen über diese Entscheidung äußern. Sicher ist, dass sich seit Mozart die Position der Frau in der Gesellschaft der westlichen Kulturen bedeutend verbessert hat, oder vielleicht doch nicht?
Mozarts Bühnenwerke sind eine Fundgrube bei der Suche nach “lebendigen“ Charakteren, die tiefe Empfindungen auch tatsächlich äußern und durchleben. Historisch betrachtet, sprechen Frauen in Opern vor Mozart kaum über ihre persönlichen Anliegen, Ängste und Fantasien. Mit Mozart bekommen sie eine Stimme. Wie verstehen wir sie heute, sind ihre Aussagen und Themen nach wie vor relevant? Wir wählten Fragmente aus Mozarts Fundus und konfrontierten damit Frauen unserer Gesellschaft ... (» Index)
Komposition - Klanginstallation:
Lichträume - Rauminstallation:
Victoria Coeln Wien
Stimmen:
Brunhild Beisteiner
Alice Gerschpacher
Johanna Magdalena Haslinger
Elisabeth Kainz
Dorothea Kirschhofer
Judith Lehner
Doris Lipka-Krischke
Gisela Ruby
Antje Marta Schäffer
Karen Schlimp
Daniela Schwarzer
Christiane Zellhauser
Lichtmodelle:
Peter Beil
Mona Coeln
Olivia Coeln
Theresa Kamelander
Franziska Maderthaner
Brigitte Messner
Audiotechnik:
Michael Matschedolnig
Fotografie:
Victoria Coeln
Entwicklung der Chromogramme:
Victoria Coeln in fotoK
Laborassistenz:
Johanna Folkmann
Markus Guschelbauer
Barytprints:
Thomas Schweiger, Foto Leutner
“Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Es ist etwas Neues, völlig anderes, mit neuen Inhalten, neuen Eigenschaften, neuem Aussehen ... Zugleich stehen das Ganze und seine Teile in einer starken, referentiellen Beziehung, ja Abhängigkeit voneinander.”
Diese allgemeine Behauptung hat ihre Gültigkeit für alle komplexeren Strukturen.
Der Mensch, betrachtet als solch komplexe Struktur, als großes Ganzes, ist nicht einfach Stimme, Wort plus Gestus ... Und doch: schon das Geräusch weniger Schritte oder eine kurze Lautäußerung genügt, und Vertraute erkennen einander. Wechseln wir den Standpunkt. Betrachten wir zum Beispiel ein komplexes Ganzes, ein Gedicht, aus der Sicht der Analphabetin, des Analphabeten (in Anlehnung an den deutschen Quantenphysiker Hans-Peter Dürr): Konfrontiert mit geschriebener Lyrik, könnten sie in spielerischer Lust beginnen, das für sie chaotisch erscheinende System, das Gedicht, nach Buchstaben und Zeichen “neu zu ordnen”. Dieselben Buchstaben/Zeichen würden damit mehrmals hintereinander (abgezählt oft) in je eine Zeile gereiht. Eine für uns im ersten Moment völlig undenkbare, ja absurde Handlung; doch auf den zweiten Blick ein klares, in unserer Logik verankertes Verhalten.
Auch klassisches Musiktheater, Oper, ist ein komplexes großes Ganzes. Frei wie die Analphabetin, der Analphabet, neugierig wie im kindlichen Experiment, und dennoch mit dem wissenschaftlichen Ansatz unserer Zeit: das Einfache hinter dem Komplexen zu finden, um das Komplexe besser zu verstehen, greifen wir auf das klassische Material zu. Wir isolierten, ja fragmentierten einzelne Teile und gewannen daraus den Rohstoff für eine Transformation mit unseren persönlichen künstlerischen Mitteln, Einzelteile zur Neuschöpfung eines neuen Ganzen.
In “Phosphonotop | Park der Frauen” geht es weder um eine Geschichte noch um den erkennbaren Ablauf einer Handlung. Der Besucher, die Besucherin sollte sich nicht damit aufhalten, den Überblick zu gewinnen oder Strukturen zu erkennen ...
Viel spannender könnte ein langsames Einlassen, Erobern, Erwandern werden ... (» Index)
Äquivalente Methoden für die akustische und die visuelle Komposition
Vorproduktion – in analogen Prozessen:
Die private Atmosphäre der Künstlerateliers ermöglicht sehr offene, besonders intime Äußerungen der eingeladenen Protagonistinnen. Basis für die akustischen und visuellen Stimmungen bildeten fünf Opern Mozarts. Da ein Erkennen der Rollenbilder für die Rezeption der Raumkomposition nicht wichtig ist, ja sogar stören könnte, verzichten wir hier auf die Auflistung unserer Auswahl. Für uns ist Mozarts Werk lediglich Referenz. Wir erarbeiteten Klang und Bild unabhängig voneinander, das heißt, die akustischen und visuellen Situationen waren räumlich und zeitlich getrennt, Stimmen und Lichtmodelle entsprachen einander nicht.
Verarbeitung – mittels Neuer Medien:
Die elektronische Klangverarbeitung und die Konzeption der Lichträume für die Schwarz-Weiß-Fotografien und die Chromogramme sind die Hauptelemente der beiden ineinandergreifenden Kompositionsprozesse. Während dieser Phase der Produktion erfolgt die Entwicklung des gesamten Raumgefüges, die Kompositionen beginnen immer mehr ineinanderzugreifen. Details dazu in den Abschnitten zu Klang und Licht.
Besondere Parallelen:
Klang- und Bildmaterial kommen aus analogen, einander entsprechenden Situationen.
Musik und Text – Farbe und Form werden voneinander getrennt betrachtet und verarbeitet. Das soll die Spannung der akustisch-visuellen Gesamtkomposition verstärken und emotionelle Wahrnehmungen von Gedächtnisleistungen lösen.
Installation – Zusammenführen im Raum:
Der Aufbau erfolgt gemeinsam, vielleicht der spannendste Moment der Kooperation. Immer wieder treffen Klang und Bild auch “unpassend” aufeinander — das ist von uns bewusst provoziert und entspricht der “normalen” alltäglichen Situation (“Freud und Leid...”). (»Index)
Aussgangssituation
Aus Text und Tonhöhen der jeweiligen Rolle wurde ein Materialblatt komponiert. Die erste Sitzung ist der Dialog des Komponisten mit der Sängerin/Schauspielerin, die mögliche Interpretation von Wort und musikalischer Linie. Dieses Grundmaterial wurde direkt mittels Tonbandaufnahme kreiert. In den weiteren Sitzungen ist der Komponist auf sich gestellt. Die Auswahl wird am Computer komponiert. Die erste Soloversion entsteht. In der weiteren Folge werden die Soli der Protagonistinnen gegeneinandergestellt und im Bereich Struktur wiederum dekomponiert, was in der Folge bis zu einer Dichte von 6 Stimmen durchgehört wird. Darauf folgt die zweite Folge in gleichem Durchgang. Diese fortschreitende Anpassung erfolgte aus dramaturgischen Gründen, da es sich bei der Komposition nicht um eine offene Form im Sinne beliebiger Kombinatorik des Materials handelt.
Strukturelle Klanglichkeit
Die Raumkomposition besteht aus zwei Versionen von jeweils exakt 18 Minuten Länge. Auf die erste Version, die Vollversion von 12 Personen, verteilt auf 6 Räume, in einer Gesamtlänge von 16 Minuten und 2 Minuten Gravitation, die je nach räumlichem Standpunkt des Besuchers, der Besucherin, als Duett, Quartett oder Sextett gehört wird, folgt eine sogenannte “Ausgelichtete”, 6 Personen verteilt auf 6 Räume, nach ca. 8 Minuten werden durch die Gravitation 6 neue Personen eingeführt, die wiederum 8 Minuten anwesend sind. Hier treten die Soli in den Vordergrund. Die Komposition der Klanginstallation dauert somit 36 Minuten und wird als Loop abgespielt, unabhängig von der Aufenthaltsdauer der Besucher in “Phosphonotop”. (» Index)
... in den schwarz-weißen Bildstrecken
Im Lichtatelier. Mehrere Bühnenprojektoren stehen in einer dichten Gruppe am Boden und erzeugen einen farbintensiven, relativ dunklen Lichtraum, der sich an der Rückwand des Ateliers abbildet. Handgemalte Filter und speziell gefertigte Schablonen bilden die Basis für die Lichtkomposition, die Protagonistinnen und Liebespaar wie ein Kokon umhüllt. In dieser intimen Situation entstehen die Schwarz-Weiß-Fotografien: Kleinbild- und Mittelformat auf analogem Film, ausgearbeitet auf Ilford Baryt Matt.
... in den Chromogrammen (den paarweise angeordneten Farbräumen)
Die Chromogramme entstehen in der Dunkelkammer und sind Mehrfachbelichtungen durch gemalte, aufeinander abgestimmte Lichtfilter. Daher gibt es pro Chromogramm kein “einzelnes” Negativ. Die Chromogramme (“Farbschriften”) in dieser Installation sind auf 1mm-Aluminiumplatten aufkaschiert. Jedes Chromogramm ist ein Unikat. (» Index)
